1:0 für Jessica

Eins vorweg: Es kann gar nicht genug Frauen geben, die über Fußball schreiben. Es sind noch immer viel zu wenige, die sich zu Wort melden. Daran hat sich in den letzten zehn Jahren erschreckend wenig geändert.  Als ich dieses 200-Seiten-dünne Büchlein von Jessica Kastrop in den Händen hielt, war ich zunächst – zugegeben – mehr als skeptisch, ob das hier ein positiver Beitrag zum Thema sein könnte. Vorurteil Nummer 1: Ah, eine von diesen zig-blonden Sky-Ladys, die man sowieso nie auseinander halten kann. Vorurteil Nummer 2: blöder Titel, voll auf Klischee, was soll das schon wieder? Vorurteil Nummer 3: Hat sie bestimmt nicht selbst geschrieben… und so weiter und so fort.

Das Titelbild fand ich irritierend (roter Mini-Fummel trägt sich echt gut im Stadion… nee, klar), den Klappentext noch mehr: „Sie ist jung, sie ist blond – und sie ist eine Frau“ (klingt wie eine Krankheit…). Fast alle Presseartikel und Rezensionen drehten sich bislang zudem um Frau Kastrops Magersucht-Geständnis, das gleich vorne im Buch eingebaut wurde und von der Fußballstory unnötig ablenkt. Aber wenn Frauen erzählen, dass sie Wattebällchen gegen den Hunger essen, dann ist das natürlich medienwirksamer als irgendwelche Storys aus der Fan-Kurve.

Nun hat Jessica Kastrop zusätzlich das Glück, dass sie vor zig Jahren mal während einer Live-Moderation aus 40 Metern einen Ball an den Kopf bekam und zur YouTube-Heldin wurde. Auch diese Episode wird im Buch immer wieder angesprochen, der Klappentext behauptet sogar, dass dieser Treffer für ihre Karriere „unglaubliche Konsequenzen“ hatte. Irgendwie schade, denn eigentlich hat Jessica Kastrop abseits von Wattebällchen und Kopfschüssen genügend andere Geschichten zu erzählen.

Ich war von diesem Buch jedenfalls positiv überrascht. Vielleicht auch deshalb, weil ich mit so geringen Erwartungen an den Text herangegangen bin. Ich habe mich amüsiert und mich an vielen Stellen wiedergefunden.  Viele Anekdoten stammen wirklich aus dem berühmten Nähkästchen. Und ich hoffe, dass sich Jessica Kastrop abgesichert hat, vor allem was einige harmlose, aber dennoch detaillierte BILD-Interna angeht.

Im Prinzip zieht die 39-jährige in diesem Buch eine Zwischenbilanz ihrer 20-jährigen Sportjournalistinnen-Karriere. Und das tut sie sympathisch, uneingebildet und durchweg geradeaus. Sprachlich vielleicht manchmal ein bisschen redundant, wenn über Strecken irgendwelche Spielinhalte nacherzählt werden. Auch dass sie zwischendurch einige Nebenschauplätze eröffnet, wie ihren Ausflug ins Tennis-Geschäft, wirkt wie ein Seitenfüller und lenkt eigentlich nur ab. Aber man kann ja schnell drüber weglesen.

Unterm Strich bekommt man eine Idee davon, wie sehr man als Frau immer noch kämpfen muss, wenn man sich im Fußballgeschäft etablieren will. Wie schwer es ist, ernst genommen zu werden und wie leicht Rückschläge auf allen Ebenen passieren können. Auch das ist eine Stärke dieses Buchs: Jessica Kastrop steht zu ihren Missgeschicken. Hätte ich alles nicht erwartet, beim bloßen Betrachten des Covers, das mich in eine ganz andere Richtung lenkt.

Aber wer Fußballer-Bettgeschichten erwartet, wird ohnehin enttäuscht. Schwärmereien, ja, die gibt es im Buch stellenweise. Und das ist auch gut so. Mich machen Extreme nämlich immer stutzig: Wenn Frauen behaupten, dass sie überhaupt keinen Fußballer jemals anziehend fanden und es ja nur um den Sport ginge (wer’s glaubt…), genauso wie das Gegenteil, wenn nur der reine Groupie-Hype im Vordergrund steht.

Wem man das Buch denn schenken könne, fragte mich neulich ein Kollege aus meiner Sportredaktion. Mein Tipp: Grundsätzlich allen, die gerne Fußballbücher lesen. Und: weiblichen Fußball-Fans, die vielleicht auch den Wunsch haben, Reporterin zu werden oder es bereits sind.

 

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